Things Japanese

Referat von Karsten Rohweder (22.11.2006)

Das Werk, das ich im folgenden vorstellen möchte, trägt den eigentümlichen Titel
„Japanese Things – being notes on various subjects connected with Japan“. Es erschien
1890 in der ersten Auflage unter dem Titel „Things Japanese“. Die hier referierte Ausgabe ist ein unveränderter Nachdruck der 1904 erschienenen 5. Auflage, wobei die Änderungen zur ersten Auflage allerdings gering ausfallen.

Zunächst über den Autor: Basil Chamberlain-Hall wurde 1850 in Portsmouth, England als Sohn einer wohlhabenden Familie geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wuchs er unter der Fürsorge seiner Großmutter in Frankreich auf. Sein Vater wollte, daß er eine Karriere als Banker einschlug, doch seine schwache Gesundheit durchkreuzte diese Pläne: nachdem ihm sein Arzt empfahl, zum Zwecke der Gesundung zu reisen, erreichte er im Jahre 1873 im Alter von 23 Jahren Japan, wo er die nächsten 38 Jahre bleiben würde.

Zunächst lehrte er dort Englisch an der kaiserlichen Marineschule, ab 1886 wurde er Professor am Lehrstuhl für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Tôkyô. Offensichtlich bewies er großes Interesse und Talent für die japanische Sprache und Literatur. So fertigte er die erste englische Übersetzung des Kojiki an: das älteste historische Geschichtswerk Japans. Eine hochansehnliche Leistung wenn man bedenkt, daß das Kojiki 712 in altertümlichem Japanisch verfaßt, aber mit chinesischen Schriftzeichen transkribiert wurde. (Dies ist nicht vergleichbar mit dem heutigen Gebrauch der Kanji.)

Neben der klassischen japanischen Literatur studierte er auch die japanischen Ureinwohner, die Ainu, deren Sprache, Kultur und Erzählungen.
Während seiner Zeit in Japan verfaßte er etliche Bücher, darunter weitere Übersetzungen klassischer Texte, aber auch sprachwissenschaftliche Werke über das Japanische. Somit kann man ihn als einen der Begründer der Wissenschaft Japanologie betrachten.

1911 verließ er im Alter von 61 Jahren Japan und ließ sich in Genf nieder. Trotz sich zunehmend verschlechterndem Gesundheitszustand setzte er seine linguistischen Studien fort, allerdings beschäftigte er sich nun mit Altgriechisch und klassischem Latein. Bis zu seinem Tod im Jahre 1935 publizierte er noch mehrere Bücher.

Zeitlebens war er ein hochgebildeter, weltgewandter Mann, dessen Studien und Übersetzungen auch heute noch von großer Bedeutung sind. Er erwarb sich über seine Arbeit die Hochachtung vieler Japaner, so sagte Kabayama Aisuke 1935, daß „Professor Chamberlain, ein Fremder, ein Engländer, den Japanern Japan und das Japanische nähergebracht“ hätte.

Nun zum Werk an sich. Eine 1912 erschienene deutsche Übersetzung trug den Titel „Allerlei Japanisches“, was die Intention des Werkes meines Erachtens recht gut beschreibt. Das Buch will ausdrücklich keine Enzyklopädie sein, in Chamberlains Worten: „der vergebliche Versuch eines Mannes, erschöpfend über alle Dinge Auskunft zu geben“ (S.2). Dies könnte auch auf dem vergleichsweise bescheidenen Umfang von 530 Seiten mit 183 Artikeln kaum gelingen. Zum Vergleich: Die Kodansha Encyclopaedia of Japan umfaßt ca. 11.000 Einträge auf mehr als 3000 Seiten in mehreren Bänden.

Weniger als ein wissenschaftliches Werk betrachtet Chamberlain es als eine Art Reiseführer. Ich zitiere ihn: „We are perpetually being asked questions about Japan. Here then are the answers, put into the shape of a dictionary, not of words but of things, - or shall we rather say a guide-book, less to places than to subjects [...]“. Die Artikel kann man als Sammlung von Mini-Essays betrachten (S. 382), und so ist auch der Stil der Artikel nicht enzyklopädisch. Ein Enzyklopädie-Eintrag bemüht sich ja, kurz, bündig und objektiv alle sachlich relevanten Informationen zu einem gegebenen Thema zusammenzufassen, um schnell und effizient Informationen zu vermitteln.

Demgegenüber sind die Essays von Basil Chamberlain geprägt vom subjektiven Blickwinkel eines Mannes, der nur wenige Jahre nach der Meiji-Restauration persönlich miterlebt, wie sich eine Nation aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert. Er erlaubt es sich, Begeisterung zu empfinden und über die Artikel mitzuteilen, Anekdoten aus eigenem Erleben einzustreuen oder Hörensagen zu kolportieren. Viele Artikel sind nicht neutral, sondern explizit wertend, und der Stil ist nicht sachlich-trocken, sondern lebhaft, kultiviert und intellektuell, bisweilen humorig.

Geschrieben ist das Buch natürlich in gehobenem Englisch, so wie es zur Jahrhundertwende in Gebrauch war, d.h. es finden sich einige antiquierte Ausdrücke und Wendungen, die dem heutigen Leser nicht vertraut sein könnten. Darüberhinaus setzt der Autor zumindest eine gewisse Grundkenntnisse des Französischen voraus – ab und zu zitiert Chamberlain auf Französisch, ohne eine Übersetzung zu liefern. Japanische Ausdrücke und Wendungen werden allerdings sämtlich übersetzt.

Die Länge der einzelnen Einträge ist stark schwankend, der kürzeste Eintrag („aviation“) erstreckt sich über 8 Zeilen, während der längste („history and mythology“) nahezu 20 Seiten füllt. Die durchschnittliche Artikellänge ist ungefähr 2 bis 3 Seiten. Am Ende vieler Artikel findet man Literaturempfehlungen, die einen Ansatz zu tiefergehender Beschäftigung mit einem Thema geben.

Nicht nur im Stil, sondern auch in der Komposition der Artikel und in der Auswahl der Themen weicht das Buch stark von enzyklopädischen Standards ab. So gibt es zum Beispiel Essays zu Themen wie „fun“ und „amusement“, über japanische „politeness“, einen langen Eintrag zum Thema „polo“. Im Artikel über „Theater“ versucht Chamberlain, dem Leser das japanische Drama nahezubringen, indem er ein komplettes Stück zitiert: ein japanisches Drama über 4 Akte.

Oft hat man den Eindruck, es handelt sich um ein Buch, das von einem Reisenden für Reisende geschrieben wurde. So findet man z.B. in den Artikeln über Wrestling, also Sumô-Ringen, und über Music Tips, wo und wann man die besten Wettkämpfe bzw. Konzerte erleben kann. Im Artikel über „Fire-Walking“ gibt Chamberlain den lebhaften Erlebnisbericht eines Japan-Reisenden wieder, der selber an einer solchen Zeremonie teilgenommen hat und über ein Bett aus glühenden Kohlen geschritten ist, komplettiert mit der Angabe, daß man dies im April und September im Ontake- Tempel in Tôkyô selbt erleben könne.

Im Eintrag zur Kirschblüte werden die besten Orte zum Betrachten derselben aufgelistet, und im Artikel „Books on Japan“ führt Chamberlain seine 12 Lieblingsbücher als Leseempfehlungen auf. Der Artikel über Jagdsport („shooting“) erschöpft sich in der Erkenntnis, daß die Jagd in Japan dem ausländischen Besucher eher wenig zu bieten hätte und daß Jagdscheine 20 Yen kosten.

Ein anderes Beispiel: im Artikel über den japanischen Abacus legt er dem Leser nahe, zu lernen, mit dem Abacus zu rechnen und ihn auf einen Blick abzulesen – um nicht beim Feilschen mit Händlern übers Ohr gehauen zu werden.

Nach all den Beispielen sollte nun aber nicht der Eindruck verbleiben, bei dem Buch handele es sich nur um eine Sammlung von Kuriositäten, Reisetipps und Anekdoten. So finden sich durchaus eine ganze Reihe von Artikeln, die ein präzises Bild von den Verhältnissen in Japan im Übergang zum 20. Jahrhundert zeichnen. Dazu seien beispielhaft die Einträge über „Ehe“ und „Status der Frau“ genannt. Hier gibt Chamberlain wieder, wie damals die japanischen Mädchen erzogen wurden, welchen gesellschaflichen Werten und Normen sie unterworfen waren, wie der Vorgang der Eheschließung verläuft.

Ebenfalls interessant in diesem historischen Kontext sind die Artikel über die Europäisierung Japans und die Rolle der ausländischen Arbeiter und Ausbilder, die Japan bei der Modernisierung des Landes halfen.

So läßt sich vermutlich auch am besten der Wert des Buches für einen heutigen Japanologen ermessen: „Japanese Things“ zeichnet das Bild Japans in der Meiji-Zeit, so wie es sich aus der Perspektive eines Gaikokujins darstellte. Insofern ist es mehr ein historisches Dokument als ein Nachschlagewerk. Wenn es darum geht, sachliche Informationen zu einem Thema zusammenzutragen, ist man vielleicht mit anderen Enzyklopädien besser bedient. Die Angaben zu weiterführender Literatur, die man am Ende mancher Artikel findet, sind mittlerweile natürlich hoffnungslos veraltet.

Insofern ist „Japanese Things“ ein Buch von vielleicht begrenztem wissenschaftlichen Wert – aber eines, in dem es Spaß macht zu lesen. Die Artikel sind geistreich geschrieben, und gerade weil sie durch Chamberlains persönliche Meinung und Wertung geprägt sind, häufig witzig und interessant.

Zum Schluß ein paar meiner persönlichen Favoriten:

– fun
– cormorant-fishing
– long-tailed fowls
– fahionable crazes
– maru
– music
– proverbs

und die allerbesten:

– English as she is Japped
– Logic
– Topsy-Turvydom

Für diejenigen, die mal einen Blick hineinwerfen wollen: Das Buch steht im Raum 7 im Regal links
neben dem Eingang, auf halber Höhe, ganz rechts im Regal. Es lohnt sich...


Quellen:
– Kodansha Encyclopedia of Japan (302.1-W-4)
– „Japan-Handbuch“, Prof. Dr. M. Ramming, Steiniger-Verlag Berlin (302.1-H-3)